Die Anti-Power-Point-Partei - geht PowerPoint in die Politik?
Keine Ente, sondern wahr: die von dem Rhetoriktrainer Matthias Pöhm gegründete Partei schaffte die Zulassung zu den Herbstwahlen im Kanton Zürich. Dazu waren 400 Unterschriften erforderlich, 800 konnte die Minipartei, APPP abgekürzt, sammeln. Ziel der Partei ist, gegen langweilige PowerPoint-Präsentationen vorzugehen. Ziemlich unwahrscheinlich, dass Powerpoint genug Wähler so reizt, dass sie der Partei ihre Stimme geben, um die 3 % Hürde zu schaffen.
- Geschickte Werbekampagne von Matthias Pöhm - für Matthias Pöhm!
Als Lösung für das PowerPoint-Problem nennt Matthias Pöhm das Flipchart.
In der Tat, Flipchart-Vorträge gelten als persönlicher und lebhafter. Automatisch macht der Referent sich viel mehr Gedanken, wie er sein Thema vermitteln könnte und was er auf das Flipchart zeichnen wird. Er konzentriert sich eher auf die wesentlichen Aussagen und wird konkreter und verständlicher. Nicht das Flipchart ist das Geheimnis, sondern die andere Herangehensweise.
Nur - in der Praxis überwiegen auch hier: Aufzählungen, unleserliche Schriften, Kritzeleien oder unsystematische Aufteilungen, so dass nichts mehr zu erkennen ist, eben eine Mischung aus unwirksamem Vortragsaufbau, mangelnder Prägnanz beim Zeichnen und nicht gekonnter Kombination von Rhetorik und visueller Darstellung.
*
Matthias Pöhm zeigt zwei Videos und präsentiert seinen Umgang mit dem Flipchart. Das sieht so einfach und leicht aus, ist es jedoch nicht. Dazu muss erst mal die Kernaussage da sein, der Aufbau der Rede geschaffen, die Rhetorik geübt und dazu die Zeichnung so prägnant gelingen.
Bei Matthias Pöhm wirkt das natürlich toll - klar, er macht ja nichts anderes.
Die meisten Referenten halten nur gelegentlich Vorträge, ihre Kernkompetenz ist oft weit davon entfernt. Zeit ist auch knapp, da werden Präsentationen erst in den letzten Tagen “hingeschustert” oder von jemand gemacht, der keinerlei Bezug zum Inhalt hat. Ein fulminanter Flipchart-Vortrag braucht in der Regel wesentlich mehr Vorbereitung, mehr Training, stimmigeres Zusammenwirken der Faktoren: mit PP geht es immer irgendwie, mit Flipchart gerät ein Vortrag schnell unbeholfen und “mickrig”.
Es wird nun schon so lange gegen PP gewettert, Hunderte von Büchern, Tausende von Seminaren und Beratungsstunden haben es nicht geschafft, die Einstellung zu PP zu ändern. Immer noch beherrschen überfrachtete Layouts (gerade große Unternehmen rücken nicht davon ab - hat ja auch so viel gekostet), Bullet Points, Aufzählen, überladene, unleserliche, den Referenten knebelnde PowerPoints die Präsentationslandschaft.
Immer noch sind gefühlte - oder tatsächliche - 98,5 % der Präsentationen die langweilige Machart. In den letzten 5 Jahren hat sich nur sehr wenig geändert. Und da soll das gute, alte Flipchart, das viel höhere Ansprüche an das Präsentations-Knowhow und die Vorbereitung stellt, eine Revolution bewirken?
Ich würde es mir wünschen - und Matthias Pöhm ein paar Sitze im Kantonsrat Zürich !
Sein Buch “Präsentieren Sie noch oder faszinieren Sie schon” ist nach wie vor sehr empfehlenswert, Pflichtlektüre für alle Präsentierer. Es gibt eine neue Auflage (2011), bei älteren Auflagen finden Sie mehr Rezensionen. Es ist keine Anleitung für die Gestaltung von Präsentationen, beeinflusst die Einstellung zur Gestaltung von Präsentationen ganz erheblich und schärft den Blick für das Wesentliche.
Gib deinen Kommentar ab
You must be logged in to post a comment.